Tag 13 – die letzte Bastion


Was für eine herrliche Nacht! Geschlafen wie ein Daimyo! Aber auch Daimyos mussten aus ihrem süßen Schlaf zurück in die bittere Realität finden. Diese ist zum Glück im Urlaub nicht ganz so bitter. Erst recht nicht, wenn man in einem japanischen Ryokan nächtigt. Und anschließend fröhlich zum Frühstück schlendert. Vorbei am Pantoffelschlachtfeld

ging es noch schlaftrunken in dem Speisesaal. Hier wartete ein formidables Frühstück auf uns. Und natürlich die verkaterten Japaner von gestern. Ich skippe jetzt mal die belanglosen Begebenheiten bis nach unserer Abreise. Wir standen wieder am Bus und warteten darauf, dass das Ding ankommt und uns mitnimmt. Die Zeit verging und mich dürstete. Man, drück ich mich gerade geschwollen aus. Egal. Ich ging also zum Getränkeautomaten am anderen Ende des Platzes. Merkwürdig, dass der so weit weg war. Normalerweise bilden diese Dinger eine natürliche Straßenbegrenzung. Als ich kurz davor war, mein Geld einzuwerfen, kam der Bus angerauscht und alle drängelten sich hinein. Nun hieß es Beine in die Hand nehmen um nicht wieder wegen eines Getränks den Bus zu verpassen. Ich schaffte es aber noch pünktlich und wir fuhren vom Norden Kyotos in den Osten, durch eine Bergkette hinüber auf die andere Seite. Mir schwante bereits, dass man nicht mal eben von der Unterkunft zum Stadtzentrum laufen könne. Wir kamen gegen Mittag an und hatten noch drei Stunden Zeit totzuschlagen, bis wir unser Gepäck loswerden konnten und uns in der neuen Unterkunft niederlassen konnten. Wir haben also das gemacht, was wir in solchen Situationen immer gemacht haben: und Kultur reingezogen. Mit ordentlich Gepäck (denn es wird ja nicht weniger, im Gegenteil) ging es durch einen steinigen Park, der meine Kofferräder ordentlich abnutzte. Uns überholten des öfteren Jogger im Park, wir haben sogar einen Ort gefunden, an dem ein/e Jogger/in sein/ihr Zeug ablegte. Hände hoch, wen beim Schreiben die Berücksichtigung des Genders noch auf den Senkel geht. Wir sollten eine neutrale Form finden. Egal, zurück zum Thema. Eine Gans passte währenddessen auf die Sachen auf, sodass niemand (bzw. niemand anderes) an den Sachen knabberte. Wir fuhren nach dem holprigen Marsch mit der U-Bahn zur nächstgelegensten Station und verbrachten unsere restliche Wartezeit an einem Schrein. Mahlzeit! Dank Melonpan und co hatten wir sogar ein ausreichendes Mittagessen. War zwar kein Freiluftsushi, aber auch gut. Ein Haus beim Schrein hatte ein haufen hübscher kleiner Torii und auch einige mittelgroße verstreut umherliegen. Wir waren drauf und dran welche einzupacken und mitzunehmen, aber unsere gute Erziehung gebot Abstinenz (im Hinblick auf einfach einstecken, also klauen). Wir trafen einen Mönch (nennt man shintoistische „Mönche“ auch so?) und kamen kurz ins Gespräch. Da Alex die Doppelnull im Haus aufsuchen wollte, sprach sie länger mit ihm und versuchte ihm, so ein Torii abzuschwatzen. Leider vergebens.

Schließlich war es dann doch Zeit, dass wir unsere neue Unterkunft, unsere letzte Bastion der Reise beziehen konnten. Laut AirBnB hat ein chinesischer Student sein Heim vermietet. Schön in der hintersten Ecke versteckte sich das Haus schließlich. Wir klingelten … und eine Frauenstimme meldete sich zu Wort. Hö? Eine freundliche Frau in ihren Fünfzigern öffnete uns die Tür und bat uns herein. Keine Spur eines chinesischen Studenten. Waren wir richtig? Sie kannte Alex zu mindest vom Namen her, war sich aber selber nicht sicher woher wir kamen. Wir erfuhren später, dass sie aufgrund Alex‘ schwarzen Haaren erst an Amerika dachte, bei meinem dreckigblondem Haar aber eher auf Australien getippt hatte. Wir wurden sehr freudig begrüßt, unsere Gastgeberin war sehr erleichtert, dass wir etwas japanisch sprechen, vor allem Alex. Im oberen Stockwerk befanden sich drei Zimmer, von denen wir das letzte bekamen. Dieses war das größte und modernste im Hinblick auf ein europäisches Bett und eine europäische Einrichtung. Wir erhielten zudem eine Einweisung in die restlichen Räume. Anderes als bei den anderen Unterkünften, schien die Gastfamilie hier mit uns zu leben. Dies kam uns zwar erst komisch vor, wir waren es dank Fukuoka aber schon gewöhnt und es hatte einen unbezahlbaren Vorteil: das tägliche Leben von Japanern mitzuerleben. Man fühlt sich wesentlich besser integriert und zudem lernt man wesentlich mehr über Menschen, Kultur und Sprache, wenn man zusammen unter einem Dach wohnt. Japaner sind im allgemeinen auch sehr gastfreundlich, mehr noch als Deutsche. Ich vergleiche das jetzt mit typischen Deutschen, nicht denen, die ohnehin Vorurteile gegen andersartige haben und alles Fremde ablehnen. Aber erwartet nicht, dass Japaner ständig auf euch zukommen, das ist eher die Ausnahme. Ergreift die Initiative und begegnet ihnen freundlich und höflich, jedoch nicht aufdringlich, dann wirds auch was mit dem Einblick ins tägliche Leben.

 

Das Gepäck endlich abgelegt, mussten wir unsere Vorräte aufstocken gehen. Gut, dass wir bereits an verschiedenen Supermärkten vorbei gekommen sind, die wir nun aufsuchen können. Dank der gnadenlos guten Orientierungsskills von mir (wenn ich will) fanden wir den ersten Supermarkt auch ohne große Umschweife. Wir kamen sogar an einem Stempelladen vorbei. Für später vorgemerkt: Stempel mit eigenem Namen herstellen lassen. Die werden sich über fremden Namen freuen, hihihi. Also, jede Menge Getränke, Süßigkeiten und Melonpan eingekauft für die nächsten zwei Tage und Reisen. Dazu noch ein Sixpack von schönem teurem Bier (jedes Bier in Japan ist teuer). Wir kamen also am späten Nachmittag zurück und vor uns liefen zwei Mädels. Eine mit schwarzer Haut und eine mit weißer. Ich weiß, die Hautfarbe ist egal, doch im Verlauf des Blogeintrags wird sie noch entscheidend. Ausnahmsweise! Ich sprach die verwirrten Mädels also auf englisch an und frage sie, was sie suchen. Alex und mir war klar, dass sie höchstwahrscheinlich in die selbe Unterkunft wollten, wie wir. Sie zeigten uns ihre Adresse, wir sagten sie sollen uns folgen, da wir auch in der Unterkunft wären. Die beiden guckten skeptisch, da es schon dunkel war und wir sie in eine dunkle Gasse locken wollten. Hrrhrrhrr. Wir haben sie dennoch sicher hingebracht und sie waren uns dankbar. Die Gastgeberin war so freundlich wie immer, aber leicht geknickt, da die beiden absolut kein Japanisch konnten Es kam wie es musste und Alex musste als Dolmetscherin herhalten. Nachdem wir wieder oben waren, unsere Einkäufe verstaut hatten und uns fürs Abendbrot wieder auf die Socken machen wollten, kamen auch die beiden Mädels runter. Sie fragten unsere Gastgeberin (über Alex) nach den üblichen Regularien wie, wann quasi Sperrstunde ist, wo man Essen und Einkaufen gehen kann und und und. Da Alex nicht weiter wusste mit ihrem Englisch, fragte sie mich wie ein bestimmtes deutsches Wort (ich kann mich leider nicht mehr erinnern, welches) auf Englisch heißt. Plötzlich dröhnte es von den beiden Mädels im Chor: „IHR SEID DEUTSCHE!?!?!?“ Und das Gelächter ging los. Unsere arme Gastgeberin schaute verwirrt in unsere Gesichter und wusste nicht, warum wir plötzlich alle lachten. Als wir die Dinge klar stellten, war sie sehr erstaunt, dass alle vier von uns deutsche waren. Das Problem ist nicht, wie man es oft von westlichen Ländern kennt, dass Westweltler für Asiaten alle gleich aussehen, sondern dass Japaner (und sicher Asiaten im Allgemeinen) keine konkrete Vorstellung bzw. kein Bild oder Standardaussehen von den verschiedenen westlichen Völkern vor Augen haben.

 

Nach der Comedyshow brachen wir auf, auf der Suche nach Nahrung. Wir liefen in die andere Richtung und trafen auf eine lange Hauptstraße, die vom Stadtzentrum aus über den Bergpass zu uns und weiter Richtung Osten reichte. So viele Läden! Direkt rechts von uns führte eine hochgelegene Bahnstrecke. Kurz darauf wussten wir, dass diese nicht für den Normalverkehr vorgesehen war. Niiiiiiiiiiiooooooooooooow. Nein, so laut wie man denkt, war es nicht. Der Shinkansen, der japanische Schnellzug, der flotter als ein ICE ist, war flüsterleise. Naja nicht ganz, aber doch sehr leise, vergleichbar mit einem modernen Auto. Einige Schritte weiter kamen wir an einem billigen Sushitempel an. Dem Drang widerstanden gingen wir erst weiter und untersuchten den Rest der Straße.

Schlussendlich sind wir aber doch rein gegangen und haben uns mit Sushi vollgestopft! Und es war super! Würde zudem nicht das letzte Mal gewesen sein. Nach unserem Rausch kehren wir zurück in unsere Unterkunft, schlürften am Bier und gingen anschließend zu den Mädels rüber. Wir tauschten unsere Erfahrungen aus, unsere Pläne für die kommenden Tage und allgemeine Infos. Eine der Mädels (ratet!) kam ursprünglich aus den USA und betreibt einen Fashion Blog hauptberuflich. Nachdem wir die nette Gesellschaft genossen haben, gingen wir zurück ins Zimmer, gingen ins Bett und spielten noch mit den Handys, genau wie es Europäer heutzutage so machen.

 

じゃあね!

ロジャー

 

P.S.: Sorry für die fehlende Balance der Bilderverteilung, an dem Tag war nicht viel los.

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