Per Du mit dem Kaiser und den Gasteltern


Die Morgensonne erhob sich feuerrot am Firmament, als würde uns Amaterasu persönlich wecken wollen. Ein aromatischer Duft stieg uns in die Nase und wir eilten nach unten, kaum dass wir angezogen waren. Für diesen Morgen haben wir ein geiles japanisches Frühstück

gebucht. Und auch bekommen. Wir fühlten uns bereits beim ersten Bissen direkt ans Ryokan, bzw. an unsere Gastmutter aus Fukuoka zurückversetzt. Jedem, der ein traditionelles japanisches Frühstück angeboten wird, rate ich es anzunehmen. Ich schreibe hier bewusst „traditionell“, denn auch die Essgewohnheiten der Japaner schieben sich mehr und mehr zu europäischem Verhalten. Sowas wie Brot, oder Cornflakes sieht man leider immer öfter.

Als kulturellen Auftakt ging es heute zum alten Kaiserpalast von Kyoto. Die Besichtigung der riesigen Anlage ist kostenlos, selbst den ehemaligen Kaiserpalast von innen zu sehen ist gratis möglich. Allerdings ist hierzu eine Führung pflicht und das Betreten der Innenräume ist verboten. Der Kyoto Imperial Palace Garden ist wirklich weitläufig, man kann hier sowohl die Grundmauern (oder was davon übrig ist) der alten Gebäude sehen, als auch die wichtigsten, die nach wie vor gewartet werden. Die U-Bahn Haltestelle „Marutamachi“ hält direkt in der südwestlichen Ecke des Areals. Wir meldeten uns für die Führung durch den Kaiserpalast an, hatten aber noch ein paar Stunden bis zur nächsten englischsprachigen Führung Zeit. Auch wenn eine japanische Führung cooler gewesen wäre, hätten wir zu wenig verstanden. Also gingen wir in der Zwischenzeit zu der lediglich mehrere Blocks entfernten Burg Nijō.

War schön dort, schöner Burgraben et cetera. Zurück am Kaiserpalast konnten wir schließlich an der Führung teilnehmen. Die englischsprachige Führungsleiterin redete ohne Unterbrechung und vieles von dem was sie sagte war auch interessant. Nichtsdestotrotz mussten wir uns öfter von der Gruppe absetzen, um anständige Fotos machen zu können. In der Reisegruppe war auch ein Perverser dabei, der sich mit ziemlicher Sicherheit die Frau an seiner Seite gebucht hatte. Sie war die einzige im Kimono, die mit Tippelschritten neben ihm her lief. Wer’s braucht. Die Dächer der meisten Bauen des Kaiserpalasts wurden mit vielen Schichten Borke gedeckt. Diese Dächer müssen aller 20 Jahre erneuert werden, dementsprechend teuer sind sie auch. Zudem dauert die Restauration der Dächer auch sehr lange. In Kombination mit der Anzahl der Gebäude bedeutet dass, dass auf den Gelände des Kaiserpalastes konstant mindestens eines der Dächer zu jedem Zeitpunkt erneuert wird. Wirklich viel gesehen hatte man bei der Führung nicht, aber es gab einen sehr interessanten geschichtlichen Abriss der Anlage und die Führung war ohnehin gratis. Wenn ihr Zeit und Interesse mitbringt, kann man mit der Besichtigung nicht viel falsch machen.

Gefüllt mit neuen Eindrücken wollten wir zurück kehren. Der Omiya Imperial Palace, ebenfalls auf dem Gelände der Gärten, erfordern ebenfalls eine Führung. Die Anlage selbst ist auch wie der Kyoto Imperial Palace von Mauern und einem sehr schmalen, mit Wasser gefülltem Graben umgeben. Alex nutzte ihre Chance, um ihre Ninja Skills auszupacken und sprang auf den kleinen Vorsatz zwischen Graben und Mauer. WHOUHOUHOUHOUHOUHOU! ALARM!! Die Wände schrillten und sprachen zu uns „TRETEN SIE VON DER MAUER WEG! DIESER BEREICH IST GESPERRT!“ oder so ähnlich auf japanisch. An jeder Ecke der Mauern sind Laserschranken aufgestellt, die sich über die gesamte Länge der Mauern erstrecken. Der Novizen-Ninja ist mitten in die Falle getappt. Als wir die Gärten verlassen hatten, wollten wir eigentlich Katsudon essen gehen. Aus einem mir nicht mehr bekanntem Grund war das leider nicht möglich. Kein Khatsu-Dum für Roger-kun. Wir konnten aber als Trost noch ein sehr lustiges Verhalten von japanischen Radfahrern beobachten. Wenn japanische Fahrradfahrer anhalten müssen, da gerade ein Auto abbiegt oder eine Ampel auf rot steht, halten sie nicht an. Sie fahren lieber Kringel, anstatt die Bremse zu quetschen. Vielleicht gibt es an diesen Fahrrädern keine Bremsen und man muss einfach abspringen, wenn man nicht mehr weiter fahren möchte?

Wir kehrten einige Zeit später in unsere Unterkunft zurück. An diesem Abend waren wir die einzigen Gäste dort. Zu unserer Überraschung wurden wir vom Gastvater eingeladen, ihn zum お風呂 (ofuro – öffentliches Bad) zu begleiten. Alex lehnte ab, was mich nach dem Badespaß im Ryokan doch etwas überraschte. Der Gastvater und ich fuhren also zum Ofuro und nutzten die Bäder. Auch ein Besuch in der Sauna blieb nicht aus. An der Sauna überraschten mich zwei Sachen. Erstens, ein Fernseher war darin und zeigte ein Baseballmatch. Zweitens, das Thermometer zeigte 120 °C an und sah aus als würde es bald schmelzen. Ich bin es auf jeden Fall und mehr als 10 Minuten war ich nicht drin. Wir fuhren zurück und ich lernte, dass der Mundschutzen den Asiaten so oft anhaben, nicht nur getragen wird wenn sie krank sind, sondern auch zur Allergiezeit. Auch wenn unsere Unterhaltungen im Auto sehr abgehackt waren und wir uns gegenseitig kaum verstanden hatten, wurde ich auf einen Nachtrunk mit den Gasteltern eingeladen. Alex natürlich auch, doch ich hörte von ihr nur ihre generierten Ausreden: Müdigkeit und Tagesvorbereitung und so … Nun war ich aufgeschmissen und musste mich mit meinen mickrigen Sprachkenntnissen zwei Gesprächspartnern stellen.

Während Alex oben ihr leckeres Melonpan mit Puddingfüllung genoss, machte die Gastmutter leckere kleine Snacks zum Bier ganz im Izakaya-Style (kleine japanische Kneipen, geführt von einer Mama-san). Die Gespräche, wenn auch stark mit Händen und Füßen geführt waren äußerst ergiebig. Wir unterhielten uns zu dritt über teures japanisches Bier und billiges deutsches Bier. Weiter ging es mit dem Thema Essen. Ich erklärte, was „Wiener Würstchen“ sind und das mit japanischem Akzent zu hören war echt putzig. Anschließend lernte ich, dass Hostessen sehr normal in Japan sind. Es ist für Ehemänner kein wirkliches Problem (außer ein finanzielles vielleicht) in eine Hostessenbar zu gehen, wo man in guter weiblicher Gesellschaft isst und trinkt. Weiter nichts! Was für mich und sicherlich auch andere Westler anfangs merkwürdig erscheint, ist aber nicht wirklich mit Bordellen, Saunaclubs oder „Massagesalons“ zu vergleichen. Wenn man Animes glauben schenken darf, gibt es solche Hostessen Etablissements auch für heterosexuelle Frauen. Diese Häuser haben starke Kundenbindung, meist sogar so persönlich, dass Kunden abends auch mal einen Anruf von einer Hostesse bekommen, die fragen, wann man denn endlich wieder da sei. Wir erreichten das etwas düstere Thema Friedhöfe. Anders als in westlichen Ländern gibt es in Japan ausschließlich Urnenbestattungen zusätzlich zur Einäscherung. Dies liegt wie man bereits vermuten kann am Platzmangel. Dadurch wird eine höhere Dichte bei den Gräbern erreicht. Die Gasteltern warteten noch auf spät erscheinende chinesische Gäste. Mit etwa zwei Stunden Verspätung holte der Gastvater diese vom Bahnhof ab. Angetüdelt wie ich war, begrüßte ich die Neuankömmlinge mit おはようございます (ohayou gozaimasu – guten Morgen). Da sie nicht gut japanisch konnten, schien ihnen das nicht aufzufallen. Ich verabschiedete mich von allen und ging zurück ins Zimmer. Den Rest weiß ich nicht mehr X’D

お休みなさい。

ロジャー

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