Leben wie die Daimyo


Und so kamen wir an dem Tag an, an dem die lange Reise in der letzten Stadt gipfeln soll: 京都 (KYOTO)! Doch seid nicht besorgt, die Flut an Blogbeiträgen wird nicht so schnell verebben, da wir in Kyoto tatsächlich die meiste Zeit unserer Reise verbracht haben. Wir verließen also Ōsaka bereits am Vormittag, da wir dort nicht mehr viel zu besichtigen hatten (unserer Meinung nach). Wir wollten die Zeit bis zu unserem Check-In bei unserer nächsten Unterkunft um 17 Uhr nutzen, bereits einen Sneak Peak auf Kyoto zu erhalten. Von Ōsaka nach Kyoto ist es nur ein Katzensprung mit dem Zug. Die Fahrt dauert etwa 30-40 Minuten. Bei strahlendem Sonnenschein kamen wir in der Innenstadt an und ließen uns von den Straßen zu den Tempeln und Gärten treiben. So langsam stellte sich der Hunger ein und plötzlich sah ich einen Raben etwas von der Wiese picken: SUSHI!!!

Der Rabe isst leckeres Sushi und ich muss Hunger leiden?? No way! Als sich dann ein zweiter Rabe dazu gesellte und sich am Sushi labte, verließ mich der Mut und ich war nicht mehr so entschlossen, den Raben zu verjagen und mir die Sushireste zu schnappen. じょうだんだ! Wir verließen die Tempelanlage und gesellten uns ins nächste Imbiss. Hier musste man sein Essen zuerst an einer Maschine kaufen, d.h. auswählen, bezahlen und das gedruckte Ticket beim Koch, der in der Mitte des U-förmigen Esstisches stand, abgeben. Dieser stellt dann, wie fast in jedem japanischem Restaurant üblich, kaltes Wasser und Gläser gratis bereit. Bereits kurze Zeit später erhielten wir unser Mahl und schlangen es hungrig herunter. Die anderen Gäste wirkten eher recht zurück gezogen. Nicht nur zu uns 外国人 sondern auch untereinander.

Anyway! Es wurde Zeit unseren Bus zu unserer neuen Unterkunft zu besetzen. An der Bushaltestelle Karasuma war bereits die Hölle los. Der Einweiser dort sagte uns, dass es noch eine Weile dauern würde und das wir an einem ruhigeren Platz warten könnten, er würde uns Bescheid geben, wenn der Bus kommt. Alex wollte schon den ganzen Tag mal wieder einen schönen Milkshake von einer sehr bekannten amerikanischen Fast-Food Restaurantkette, die es auch in Deutschland gibt. Also machte sie sich auf die Socken Richtung „Restaurant zur goldenen Möve“, der Laden war direkt auf der anderen Straßenseite, welche aber nur über eine Unterführung der Metro zu erreichen war. Ihr egal, der Milkshake war nicht optional. Nachdem Alex also eine Weile weg war, kam der Einweiser eilig auf mich zugelaufen und meinte, dass der Bus gleich käme. Und wo meine Freundin ist? Tja, ungünstige Zeitplanung. Also hab ich mir schnell mein Handy gegriffen, auf die Kosten gepfiffen und Alex angerufen. Wie erwartet, keine Antwort. Der Bus fuhr vorbei und zwei Minuten später kam sie vergnügt mit ihrem Milkshake zurück. Der Gesichtsausdruck, als ich unsere Lage schilderte war unbezahlbar 😀 Und so warteten wir, dem Einweiser nach eine halbe Stunde auf den nächsten. Irrwitziger Weiser kam der nächste Bus aber schon 8 Minuten später. Lag am hohen Verkehrsaufkommen, ebenso wie in Alex‘ Schnellimbiss viel los war. Ist halt das Zentrum einer Großstadt, war eigentlich zu erwarten. Keine Rikschas oder Kutschen mehr wie früher, außer für den Tourismus.

Wie auch immer, wir rammelten mit unserem gesamten Gepäck in den Bus, rammten einige Sitze und fuhren bis nach Oharaonagasecho, wo unser 旅館 (ryokan – japanisches Gasthaus) auf uns wartete. Ryokans sind der Inbegriff des traditionellem Lebensstils, jedenfalls was Hotels angeht. Hier kann man sich fühlen wie ein gut gestellter 大名 (daimyo – Lehnsherr/Fürst). Ebenso teuer ist die Übernachtung auch, aber allemal Wert. Normale Preise gehen ab 100 Euro/Tag los, nach oben sind natürlich keine Grenzen gesetzt. Einmal sollte man auf jeden Fall in einem Ryokan unterkommen. Das war auch unser Wunsch, daher wollten wir es trotz des schwer stemmbaren Preises für Studenten unbedingt durchziehen. Jedenfalls, sofern wir das Ryokan heute noch finden würden … es fing an zu regnen als wir den Bus verließen und wir erst mal wirr mehrere Male im Kreis drehten. In welche Richtung mussten wir nun? Warum ist hier im Dörfchen nichts ausgeschildert? Glücklicherweise hatte Alex einen Routenplan von einer Freundin mit, die uns ursprünglich ebenfalls ins Ryokan begleiten wollte. Wir liefen also weiter Richtung Berge und zum Rand der Siedlung und fanden tatsächlich ein Ryokan. Yatta!! Alex meldete uns beim Empfang an. Und wurde abgewiesen. えええええええええ? Unter ihrem Namen bzw. dem ihrer Freundin war nichts reserviert. Kurz vorm Herzinfarkt sagte uns die Empfangsdame dann später, wir sollten es mal bei den anderen Ryokans hier probieren. Also mit Sack und Pack wieder hinaus in den Regen und das nächste Ryokan besucht. Wieder nichts. Ist aber auch irre so ganz ohne Beschilderung und Namenskenntnisse. Beim dritten Ryokan angekommen, den Tränen nahe (oder flossen sie bereits? Wusste man dank des Regens nicht) schritten wir hinein. Das erste was uns sofort auffiel, waren die Namensschilder an den Schuhregalen. Natürlich, denn ohne die Schuhe auszuziehen, wären wir nirgends zum Empfang gelangt. Und da, tatsächlich! „Alex-様 (sama)“ welches die äußerst höfliche Anrede für Gäste, Lehnsherren und dergleichen ist. Endlich!! Es war, als wäre eine Last von uns gefallen und damit meine ich nicht nur unsere Bergschuhe.

Endlich sind wir also angekommen. Es wurde uns mitgeteilt, dass in diesem Ryokan viel Selbstbedienung ist und es kein Zimmerservice gäbe. Ist zwar schade, war uns aber relativ egal. Dies bedeutete auch, dass große Speisen wie Frühstück und Abendessen in einem gemeinsamen Speisesaal zu sich genommen wurden. Damit wäre japanische Gesellschaft am Tisch sicher, yehaw! Nachdem die Rollen unserer Koffer zwei mal vom Personal geputzt wurden, wurden wir zu unserem Zimmer geführt. Die Gänge waren beschildert, unter anderem mit „Speiseraum“, „Toilette“ und „Hot Spring“. Ein Onsen!!!

Wir öffneten die Tür zu unserem ZImmer und ich musste mich zurückhalten, nicht vor Freude loszuschreien, denn mitten im Zimmer stand ein Kotatsu bereit. Ein Kotatsu ist ein beheizter Tisch für kalte Tage und war damals meist auch die einzige Wärmequelle neben dem Kochkessel und bevor es エアコン (eakon – air conditioner, also Klimaanlagen) gab. Eine Heizspirale direkt unter dem Tisch sorgt für die Wärme, die Steppdecke zwischen den beiden Tischplatten, dass sie nicht entweicht und schön den Unterkörper wärmt. In einigen Anime sieht man diese Tische oft, meist schlafen Leuten darunter ein, was zu Verbrennungen führen kann. Selbstverständlich haben wir auch direkt den Fernseher ausprobiert und alle Programme durchgezappt. Das Sumoringen war sehr interessant mit anzusehen. Bis dato wusste ich nicht, dass Sumo so ritualisiert ist und weniger mit dem Kampf an sich zu tun hat. Dass Sumoringer in Japan den selben Status wie Kinostars haben, war mir hingegen jedoch schon geläufig. Das Personal hat uns außerdem bereits grünen Tee und Kimonos bereit gelegt, welche wir innerhalb des Ryokans tragen konnten. Bevor wir jedoch völlig in unserem Zimmer versauerten, beschlossen wir uns die Umgebung genauer anzusehen. In der Nähe gab es noch einen Friedhof und einen direkten Weg zum Bergwald. Da am Anfang des Pfades jedoch Warnschilder vor Bären aufgestellt waren, entschlossen wir uns heldenhaft umzudrehen und zurückzukehren. Als wir zurückkehrten, war Pantoffelchaos gegenüber von unserem Zimmer angesagt. Eine Gruppe älterer Japaner ist eingetroffen und hat wohl eine Menge Spaß. Es war bereits Zeit für das Abendbrot und was uns erwartete, ließ uns erschaudern. Positiv. Es war alles für Shabu-Shabu aufgebaut. Man nutzt dazu eine Brühe im Kochkessel und schmeißt Gemüse, Fleisch, Nudeln, Pilze und sonstiges dort hinein und isst es dann frisch gekocht.Dazu gab es noch ein paar kleine Leckereien und natürlich jede Menge Reis aus einem Reiskocher. Ich habe selten so gut und vor allem vielfältig gegessen. Die Gruppe Japaner, die an einem Tisch hinter uns saßen, aßen genussvoll, lachten laut und sauften sich die Hucke zu. Leben wie die Daimyo, ich sags ja. Während wir noch genüsslich unser Shabu-Shabu genossen, waren die Japaner bereits fertig und einer der Männer redete mit dem Pärchen aus Australien hinter uns. Später gesellte er sich auch zu uns und wir redeten ein bisschen über Deutschland und dass er versuchte Zwiebeln anzubauen, dies aufgrund des sauren Bodens aber nie gelang. Leicht schwankend verließ er den Raum und auch wir gingen nach oben in unser Zimmer. Fernseher an, denn wir konnten mal richtig coole Programme gucken, bspw. Terebi Tokyo. Hier wurde gerade eine Folge von Naruto gezeigt. Wir sind im Paradies!

Nachdem wir nun eine Weile verdaut haben, Ansichtskarten geschrieben und fern gesehen haben, wurde es Zeit zum Höhepunkt des Abends zu kommen: der Besuch der heißen Quelle. Ausgestattet mit allem was ich brauchte (ja, dieses Mal habe ich die Wechselklamotten mitgenommen) begab ich mich durch den Hinterhof zum Badeort. In der Umkleidekabine waren viele jugendliche Japaner, die sich gerade wieder anzogen. Ich ging also nach dem Ausziehen in den Waschraum … und war alleine. Ordentlich durchgeschäumt und abgespült begab ich mich nach draußen ins warme Becken … und war fast alleine. Der einzige Japaner ging nach ein paar Minuten aber auch und ich hatte das ganze Bad für mich! BUWAHAHAHAAHAHA! In Ergänzung zum warmen Becken gab es noch eins mit kaltem Wasser. Waren dennoch paarundzwanzig Grad warm, aber nachdem man wie ein Teebeutel in 40 Grad warmen Wasser badete, ist es arschkalt. Nach ein paar Frostbibbereien ging es dann und ich genoss sogar das kalte Nass. Diesen Wechsel hab ich etwa 3 Mal gemacht und bin anschließend zurück gekehrt. Nach meiner Rückkehr habe ich Alex wie immer von meinem grandiosen Erlebnis erzählt. Dieses mal hab ich sie sogar überzeugen können, selbst zu gehen, da keiner im Bad war. Erfolg! Nach einer dreiviertel Stunde kam sie zurück und überraschte mich beim Sabbern auf den Kotatsu, da ich fast eingeschlafen wäre. Vom Badespaß war sie aber ebenfalls total begeistert. Ich sags euch, probiert es! Falls ihr euch anderen nicht nackt zeigen wollt: ignoriert es! Dieses Gefühl ist es allemal wert. Alex meinte auch, dass eine Gruppe von Chinesinnen bei ihr mit dabei waren, total unsicher und mit Badeanzügen. Badeanzügen! Nur als Anmerkung für die, die es nicht kennen, nicht den Grund des vorherigen Waschens verstehen oder denken, dass ein Badeanzug eine gute Idee im öffentlichen Bad ist: ist es nicht. Es ist total verpönt oder durch Bademeister sogar verboten Textilien (auch aus Kunststoff) mit ins Bad zu nehmen. Auch das kleine Handtuch, was man mit in den Badebereich nimmt, sollte nicht ins Badewasser gelangen. Legt es neben dem Becken ab oder packt es euch drollig auf den Kopf, aber bitte nicht ins Badewasser tunken.

Als wir fertig mit dem Planen unserer Abreise des nächsten Tages waren, packten wir nun die Futons aus dem Wandschrank und brauchten nicht lange, um in diesem bequemen Ambiente einzuschlafen.

またね、

ロジャー

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