Goldener Tee und tausend Torii


Es wird Zeit, meinen Namen in Stempelform zu würdigen! Seit Antritt meiner Reise wollte ich mir ein persönliches Siegel anfertigen lassen. Um rechtskräftige Verträge in Japan zu formen, reicht eine Unterschrift allein nicht aus. Es Bedarf auch einen Stempelabdruck des persönlichen Siegels. Den Stempelladen, den wir vor zwei Tagen nahe unserer Unterkunft entdeckt haben, wird bald eine schwierige Aufgabe erhalten. Wir hatten Glück, dass der Laden heute offen hat. Ich konnte mir natürlich denken, dass eine Eigenanfertigung auch einiges an Zeit benötigen würde. Rein in den Laden und mit unserem noch nicht vollständigem Wortschatz den Besitzer gesprochen. Ich wollte einen Stempel, auf englisch „Stamp“ und mit japanischer Verballhornung „Sutampu“. Allerdings brachte „Sutampu“ mir keine Punkte und nur Verwirrung auf der Verkäuferseite. Alex half mir aus und kam zu mindest so weit, dass der Verkäufer den Stempel beantragen kann. In Nara würde er gefertigt werden und anschließend in den Laden gesendet werden. Dies würde unseren zeitlich begrenzten Aufenthalt natürlich sprengen. Nach einer gefühlt endlosen Diskussion zogen wir schließlich enttäuscht ab. Erst später fanden wir in einem geschlossenen Laden den richtigen Begriff みとめ (mitome). Hätte natürlich nichts bei dem Zeitproblem gebracht. Weiter ging es zu unserem Lieblingssupermarkt, wo wir uns für den Tag eindeckten. Eine alte Frau an der Kasse regte sich auf, weil ihre Orangen 5 Yen teurer waren, als auf dem Preisschild. Die Verkäuferin entschuldigte sich 25 mal mit すみません (sumimasen) während sie die Preisdiskrepanz erklärte, verbeugte sich dabei immer, packte jedoch unbehelligt weiter den Einkauf der Dame ein. Es scheint, als ob dieses entschuldendes Verhalten der Japaner sehr stark in der Gesellschaft verankert ist und auch erwartet wird, die Regeln des Ladens haben jedoch strengen Vorrang.

 

Zum Auftakt unseres Tagesausflugs besuchten wir den 東寺 (Tō-ji)Tempel mit der fünfstöckigen Pagode, für die Kyoto berühmt ist. Im Tempel selbst gab es zur Zeit sogar eine Ausstellung von indigoblauen Bildern und Stoffen. Ich würde mich über Kommentare freuen, die uns sagen können, von welchem Künstler diese stammen (soweit ich mich erinnere von einer Frau). Euch könnte dabei dieses Bild behilflich sein. In der Haupt- und Nebenhalle wurden viele buddhistische Bildnisse der Gottheiten (sagt man das so?) ausgestellt. Die meterhohen Statuen wirkten etwas angsteinflößend mit ihren meist grimmigen Blicken und Waffen. In die Pagode selber kann man nicht hineinblicken, lediglich ein Bild auf dem ausgehändigten Flyer zeigt den Aufbau und den Inhalt. Spoiler: im Erdgeschoss befinden sich weitere Buddhastatuen. Der Kirschbaum schräg vor der Pagode blühte sogar schon ein wenig. Einen halben Monat später wäre er in voller Blüte gewesen. Vor der Pagode war ebenfalls ein Teestand aufgebaut. Die freundliche Frau am Stand brachte uns direkt zwei Tassen gratis zum kosten. Super lecker! Einen sehr eigensinnigen Geschmack hatte der rosarote Kirschtee mit Goldpartikeln, aber er schmeckte nach etwas bekanntem, wodurch ich mich in meine Kindheit zurück versetzt fühlte. Der Werbetrick hat gewirkt und ich habe mir eine Tüte des relativ teuren Tees gekauft. Diesen Geschmack musste ich einfach mit Heim bringen! 

Als nächstes ging es zur zweiten, weltweit bekannten Sehenswürdigkeit. Dem Fushimi Inari Schrein (伏見稲荷) mit den tausenden Torii. Die Torii werden von Privatpersonen oder Firmen gesponsored. Für bereits knapp 1000 Euro kann man sich ein kleines Torii am Fuß des Berges hinstellen lassen. Die Torii werden mit dem Namen des Spenders sowie dem Jahr (in traditioneller Angabe der Epoche) beschriftet. Eine Pflege des Torii scheint zu entfallen, wenn es zu brüchig wird, kommt es weg und macht Platz für neue. Die einzelnen Torii dürften aber ein paar Jahrzehnte halten. Man sollte vermutlich nicht auf den Trugschluss fallen, dass Steintorii länger halten, da durch die fehlende Lackierung Wind, Regen und Pflanzen deutlich schneller angreifen können. Am Fuß des Weges kann man sich für 1000 bis 2000 ¥ kleine hölzerne Torii kaufen, auf denen man seinen Wunsch schreibt und aufhängt. Ganz oben auf dem Berg (233 Höhenmeter) soll auch ein heiliger Spiegel ausgestellt sein, wir haben davon jedoch erst später erfahren und haben ihn auch nicht gesehen. Die Wanderung bis nach oben dauerte etwa 90 Minuten. Viele Kurven, viele Menschen. Lohnt sich aber, auch wenn man Menschen nicht mag nicht gerne von Menschenmengen umgeben ist.

Die boshafte Realität holte uns nach dem Trip ein und wir mussten Wäsche waschen. Mehr haben wir an dem Tag nicht gemacht.
めんどくさい!

ロジャー

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